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Lichtschacht
 






LICHTSCHACHT
TEXTPROBE


Er  hatte  einen  Schrei erwartet. Aber da waren nur ihre weit aufgerissenen Augen. Sein eigener Atem.
Ein dumpfer Aufprall. Und dann Stille. Ausatmen. Verkehrslärm, auf- und abschwellend wie die Brandung.
Einatmen. Hin und wieder ein Hupen. Weiteratmen. Ein Folgetonhorn. Von unten, aus dem Hof, kein Laut.
Wenn  man  fünf  Stock  tiefer  mit  dem Kopf  voran auf den Betonboden knallt, ist man tot.
„Es war ein Unfall“, flüsterte sie und sah ihn beschwörend an. Fuchtelte mit ihren Händen vor seinem
Gesicht herum. „Wir müssen die Polizei rufen. Die Rettung.“ Er hörte ihre Zähne aufeinanderschlagen.
„Komm her“, sagte er leise. Vorsichtig rückte sie Stück für Stück näher. Ihr ganzer Körper bebte. Eiskalte
Finger.
„Kannst du aufstehen?“
Sie nickte. Ihr Blick flackerte. Sie atmete hastig, hechelnd. Ihre rechte Hand umklammerte immer noch
das Glas. Er nahm es ihr ab und warf es in die Tiefe. „Bind dir die Haare zusammen.“ Sie schaffte es nicht.
„Komm.“ Er fasste sie an der Hand und half ihr auf. Sie krallte sich in seinen Unterarm.
„Halt dich an den Ziegeln fest“, wies er sie an. „Genau. Auf allen Vieren. Noch ein Stück. Gut. Schau, da
ist schon die Leiter.“ Wenn sie jetzt strauchelte, ausrutschte … Es wurde schon dunkel … Nein, er würde
sie abfangen!
Über die Terrasse gelangten sie in die Wohnung. Er machte kein Licht. „Setz dich!“
Sie sank in einen Fauteuil, der mitten im Raum stand. „Wir müssen die Rettung …“ Sie stand unter Schock.
Ihre Knie schlackerten.
„Pscht“, machte er. Trat hinter sie, legte seine Arme um sie und zog sie an sich. Nach kurzem Widerstreben
gab sie nach. Nun weinte sie leise. Er streichelte mechanisch ihre Oberarme und wartete.
„Denkst du, sie ist – tot?“
„Ja. Es sind fünf Stockwerke.“ Wir haben keine Eile, dachte er. Ich kann in Ruhe überlegen.


 
 
 
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