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Als Yvonne sich ihm zuwandte und ihre Hand unter seinen Pyjama schob, stellte sich Hassler schlafend. Er murmelte unwillig, drehte
sich von ihr weg und atmete gleichmäßig und geräuschvoll. Sie rückte nach, schmiegte sich an ihn und blieb eine Weile so liegen. Er
spürte die feuchte Wärme ihres Körpers. Ihren lauen Atem an seinem Hals. Er reagierte nicht. Dann hörte er sie mehrmals hart schlucken.
Sie begann leise zu weinen. Es machte ihn wütend. Unwillig knurrend veränderte er seine Schlafposition und rückte ein Stück von ihr ab
-
aber es klappte nicht. Er hörte ihr Schniefen, ein Schluchzen. Es ist unerträglich, dachte Hassler. Ich halte das nicht aus. Er überlegte
aufzustehen und weg zu gehen. Er blieb liegen. Da bewegte sich die Matratze, buchtete sich ein. Ein leichtes Gefälle zu ihr hin. Hassler
verspannte sich und zog das rechte Bein an den Körper. Nun setzte sich Yvonne auf -
dieses Zögern, brachte ihn erneut gegen sie auf. Sie blieb eine Weile auf der Bettkante sitzen, als würde sie auf etwas warten oder Kraft
sammeln, und verließ dann das Zimmer.
Hassler starrte ins Dunkel. Er fühlte sich an die Haft erinnert. Die erste Zeit in einer Fünfmannzelle: Man kam einander nicht aus. Musste
sich tausendmal die gleichen Geschichten erzählen lassen. Die Klagen, Unschuldsbeteuerungen, Drohungen ertragen. Gewaltausbrüche
und Weinerlichkeiten. Man wurde Zeuge von Demütigungen, Quälereien, Unterwerfungsakten, stundenlangem Kartenspiel, das mit einer
Schlägerei endete. Hörte die anderen schreien, fluchen, weinen, roch ihre Fürze und ihren Schweiß. Wurde wach vom rhythmischen Rütteln
eines der Stockbetten im überfüllten Haftraum, dem Klicken der Feuerzeuge nachts, wenn einer nicht schlafen konnte. Das blaue hektische
Flimmern des Fernsehapparates verzerrte die jeweilige Szene ins Groteske, die penetranten Synchronstimmen und die Geräuschkulisse der
Filme legten sich wie eine klebrige Schicht über alles. Sofort hatte er die laue abgestandenen Luft wieder in der Nase, den Gestank billigen
Tabaks, den Geruch von Sperma und Schweißfüßen, die Ausdünstungen der anderen: Knoblauchwurst, Eier, Zwiebeln, manchmal Alkohol,
den sie selber ansetzten -
Man musste das alles aushalten. Konnte nicht weg. Einzelzellen waren rar. Man stumpfte ab. Hörte nicht hin. Starrte auf den Bildschirm.
Betäubte sich mit Medikamenten oder Alkohol. Drosch gegen die Wand, bis die Knöchel blutig waren und die Spannung abfiel. Zerfetzte
mit einer Klinge den eigenen Unterarm oder verprügelte jemanden, wenn einem alles zu viel wurde.
Das hier, dachte Hassler, nun auf dem Rücken liegend, war selbst gewählt. Er konnte gehen. Niemand zwang ihn zu bleiben. Er dachte an
den Elefanten im Zoo. Wie er im neuen, großen Gelände hin und her gewandert war, stur, immer wieder die eine Strecke, die ihm aus dem
alten Gehege vertraut war. Die Brust wurde ihm eng.
Er hörte die Wohnzimmertüre gehen, Yvonnes nackte Füße auf dem Parkettboden. Rasch rollte er sich zur Seite. Als sie sich neben ihn legte -
nun in einiger Entfernung -
vorübergehen. Er würde sich daran gewöhnen.