Das größere Verbrechen
Textprobe
Bis zu jenem Tag im Herbst vor mehr als fünfzehn Jahren – einem Dienstag, fast noch sommerlich warm (immer erinnere ich mich an Nebensächlichkeiten wie diese, während das Ganze an den Rändern unscharf wird und sich auflöst) – habe ich mich gefragt, wie einer weiterleben kann, der anderen das Schlimmste angetan hat, das Menschen einander antun können. Träumen sie davon? Schreien sie manchmal nachts im Schlaf? Ihre Gesichter sind glattrasiert – sonntags, wenn sie in der Kirche sitzen. Sie lachen, brechen ein Stück Brot ab und kauen. Singen, umarmen die Frau, das Kind. Sie gehen die Straße entlang wie andere auch, bleiben stehen, um mit dem Nachbarn ein paar Worte zu wechseln. Klopfen einander auf die Schultern. Der eine oder andere trinkt und wird sentimental, wenn eine Geige aufschluchzt oder der Akkordeonspieler zwischen den Tischen auf und ab geht, aber auch das ist nichts Neues. So waren sie vorher schon. Wenn ich sage, dass es bei mir anders war, dass ich das nicht wollte, wird niemand mir glauben. Ein Mensch ist tot durch meine Schuld. Ich sitze hier und rede mit Ana, als wäre nichts. Ich esse und schlafe und schaue aus dem Fenster wie davor.