Das Leben ist schmutzig

Textprobe

„Die Hausbesorgerin“, sagt er und betrachtet sie aufmerksam. Feine Fältchen um die Augen und um den Mund. Raucherin, denkt er. Dünnhäutig, nervös, aber stark. Eine, die gern lacht, aber wenig Gelegenheit dazu hat. Sie bewegt sich leicht und sicher. Trägt flache, weiche Schuhe. Wie eine Tänzerin geht sie, denkt er. Er folgt ihr ans Fenster, fasst behutsam nach ihrem Arm. Sie schaut nicht auf. Er spürt ihre Anspannung, ihre Abwehr. Sie hält sich sehr gerade.
„Sie wird nicht mehr kommen“, sagt er. Nichts. „Sie ist tot, Frau Wawerka.“
„Ja“, sagt die Hausbesorgerin. „Sicher.“ Sie starrt aus dem Fenster. Er weiß, dass es dauert, bis das Gesagte durchdringt. Er steht ruhig neben ihr. Es gibt sonst nichts zu sagen. Er hasst diese Momente. Und mehr als alles hasst er, diesen Einsatz mit einem Kollegen gemeinsam zu fahren. Die meisten von ihnen halten es nicht aus – die Stille. Und das, was dann kommt. Sie wollen es schnell hinter sich bringen. Er weiß aber, dass es Zeit braucht.
Da dreht sie sich um. „Tot, ja?“
Er nickt. „Ermordet.“
„Ja“, sagt sie wieder. Und dann: „Wie?“
„Man hat ihr das Genick gebrochen.“
„Das Genick“, wiederholt sie. Dann hört er sie aufschluchzen. Sieht ihre Schultern beben. Und plötzlich schreit sie. Und schreit. Knallt ihren Kopf gegen die Wand, einmal, zweimal, dreimal. Und sackt in sich zusammen, rutscht mit dem Gesicht die Wand, die Raufasertapete entlang, zerschrammt sich die Wange, bevor sie sich abfängt und irgendwie zu sitzen kommt, kreidebleich jetzt und ganz still. Er hört sie atmen, einmal etwas wie ein hohes Wimmern, ganz leise. Er hockt sich zu ihr auf den Boden. Nun weint sie nicht mehr.
„Tot“, sagt sie wieder. Es ist eine Feststellung.
Er nickt.
Und dann schaut sie ihn an mit ihren großen hellen Augen und fragt: „Weiß es ihre Mutter schon?“ Und: „Wer …“ Und: „Kann ich sie sehen?“
„Ja“, sagt er. „Ich bringe Sie hin. Kommen Sie.“
Sie steht auf ohne zu taumeln, ihr Gesicht ist eine Maske. Sie schaut sich nicht um, geht wie von unsichtbaren Fäden gezogen zum Tisch, nimmt ein Buch, geht zur Tür. Sie hält sich am Buch fest, denkt er. Ihre Knöchel treten weiß hervor. Sie fasst sich an die rechte Wange. Er gibt ihr ein Taschentuch.
„Ein bisschen Blut“, sagt er. „Man sollte etwas drauftun.“
„Nein“, sagt sie. „Fahren wir.“

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